Wie ich dem Löwenarsch verzieh.

Wie ich dem Löwenarsch verzieh.

Vor unserem Urlaub in Südafrika haben wir uns die Frage „Berge oder Meer?“ nicht gestellt. Indischer Ozean, Drakensberge, Atlantik, Lions Head – alles dabei. Umso mehr habe ich in den letzten Tagen darüber nachgedacht, warum ich eher so der Meer-Typ bin und Berge irgendwie anstrengend finde. (Dass es mir schwer fällt, einfach mal an nichts zu denken, hatte ich ja bereits erwähnt.)

Ein felsiges Gebirgsmassiv wirkt auf mich in erster Linie bedrohlich und ehrlich gesagt halte ich die meisten Berge für arrogante Angeber. Ja, ich weiß, das muss ich erklären. Auf dem Weg ans Meer freue ich mich über jedes Fitzelchen Blau am Horizont und auf den ersten tiefen Atemzug an der frischen Seeluft, die mir den Stadtmief aus den Poren bläst und so gut riecht, dass man auf die Idee kommen könnte, ein Leben mit nichts als Luft und Liebe wäre nicht nur möglich, sondern das Schönste, was einem passieren kann. Also, ich mag das Meer.

Wenn wir uns dagegen auf einer kurvigen Straße die Berge hocharbeiten und mein Blick das erste Mal hinunter ins Tal fällt, ist das was völlig anderes. Es ist eher so, als käme ich in einen Raum voller fremder Menschen, die mich kurz von oben bis unten mustern und sich dann weiter unterhalten, als wäre ich gar nicht da. Die Berge sprechen nicht mit mir.

Jetzt haltet Ihr mich wahrscheinlich für völlig bekloppt, aber ich bin mir sicher, Ihr kennt dieses Gefühl. Den Unterschied, irgendwo anzukommen oder einfach nur auszusteigen. Ja?

Drakensberge

Bevor Ihr mich falsch versteht: ich möchte hier niemandem ausreden, in die Berge zu fahren. Es kann bestimmt ganz wunderschön sein dort, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, unter den richtigen Voraussetzungen. Ich habe in den Bergen meistens Pech.

Ich schwöre, ich hab es versucht! Sobald ich mich in einer erwähnenswerten Höhe über dem Meeresspiegel befinde, schieben sich Wolken vor mein Gesicht. Dicke, graue, feuchte Wolken. Auch dort, wo es sonst angeblich fast nie regnet. Keine Sonne, keine Aussicht.

Ein schöner Trost in einer solchen Situation: eine kuschelige Unterkunft, am besten mit Sauna, Kamin und deftiger Hausmannskost. Unser Zimmer in den Drakensbergen befand sich in einer muffigen Hütte, deren Loungebereich (ohne Kamin) so einladend war wie eine Unterhose vom Flohmarkt. Immerhin gab es einen Wasserkocher.

Nach zwei Nächten reisten wir ab und fuhren an die Küste. Unser Badezimmer in Port Elizabeth hatte eine Dusche, so groß wie das Ikea-Bällebad, und der Frühstücksraum mit Terrasse wurde sicher schon für „Schöner Wohnen“ fotografiert. Am ersten Morgen schien die Sonne vom (fast) wolkenlosen Himmel.

Port Elizabeth

Das ist Euch jetzt zu einfach? Recht habt Ihr. Knapp 300 km weiter westlich hat das Meer ein paar fette Minuspunkte bei mir gesammelt.

Morgens um 9 Uhr saßen wir vor Knysna bei schönstem Sonnenschein mit etwa 10 Mitfahrern in Schwimmwesten auf dem Speedboat, um Wale und Delphine zu sehen. Draußen auf dem offenen Meer begegneten uns zwei Buckelwale, ein Muttertier mit seinem Jungen. Die beiden schwammen eine Weile neben uns, dann tauchten sie ab und zeigten uns ihre schwarz-weißen Schwanzflossen. Ein wunderschönes Bild. Wir warteten. Auf mehr Wale, auf Delphine, auf ein weiteres Schauspiel der Natur.

Unser Boot rollte in den meterhohen Wellen. Die Sonne brannte. Benzingeruch waberte vom Heckmotor in unsere Nasen. Die ältere Dame hinter uns übergab sich mehrfach in den bereitgestellten Plastikeimer. Ich wünschte mir keine neugierigen Säugetiere mehr, sondern festen Boden unter meinen Füßen. Zum Glück schaffte ich es würdevoll wieder an Land, ohne den Eimer zu benutzen. Trotz Würgegeräuschen im Nacken und gewagter Manöver bei der schwierigen Einfahrt in die Bucht.

Nichts gegen Meer – aber das war mir dann doch zu viel.

Um fair zu bleiben, wagte ich das nächste Abenteuer am Berg. Capetown, Lions Head, 670 Höhenmeter im Tafelbergmassiv an der Atlantikküste. Mit der Aussicht aufs Meer bringe ich so einem Berg eine ganz andere Wertschätzung entgegen. Turnschuhe geschnürt und los. Yeah, Bewegung tut gut!

Der Weg wird steiler und steiniger. Unter uns liegen der Signal Hill, die Dächer Kapstadts und das Blau des Atlantiks. Ich hangle mich an Eisenketten am Abgrund entlang und klettere Felswände hoch. Mit jedem Steinbrocken, der hinter mir liegt, werden meine Beine zittriger. Als der Gipfel in Sichtweite ist, geht bei mir nichts mehr. Höhenangst, ich? Das ist mir neu.

Knapp 600 Meter unter mir glitzert der Ozean in der Sonne. Quasi einen Steinwurf entfernt. Oder einen falschen Schritt. Ich setze mich auf einen Felsen und versuche, normal zu atmen, während alle anderen an mir vorbei klettern, als wären wir hier auf der Rolltreppe bei Karstadt. Zusammenreißen und weiter? Keine Chance. Ich gebe auf.

So kurz vorm Ziel! Dieser Berg ist ein Arsch. Ein Löwenarsch. Na ja. Die Aussicht ist von hier auch nicht so schlecht.

Aussicht Lions Head

Zurück im Tal habe ich dem Löwen längst verziehen. Vielleicht erwische ich beim nächsten Mal einen guten Tag in den Bergen. Mit eher so sanften Hängen als steilen Felspisten. Saftige grüne Wiesen vor blauem Himmel, kristallklare Bergseen, knisternde Kaminfeuer und dampfende Kaffeebecher in kuschelig-warmen Hütten wären ein Anfang. Hallo da oben, hört mich jemand?

Und das Meer? Ach ja, das Meer. Das mit uns, das ist was Besonderes. Daran ändert sich nichts, nur weil einem von uns beiden mal kotzübel ist. Das geht vorbei. Und danach ist die Liebe umso größer. Spätestens, wenn die Sonne mal wieder im Wasser versinkt. Es darf nur kein lästiger Berg im Weg sein.

Ein Gedanke zu “Wie ich dem Löwenarsch verzieh.

  1. Ein schöner Post! Und ich kann Dich voll verstehen. Mir geht es ähnlich: Wenn man das Meer so langsam erahnen kann, wird es mir warm ums Herz und wenn ich dann aus dem Auto aussteige und das Meer rieche, die leicht salzige Luft, dann hab ich das Gefühl nach Hause zu kommen. Besonders an der Nordsee. Aber auch sonst zieht mich das Wasser an (in südlichen Ländern am Strand oder an Rhein und Elbe). Wenn ich aber in die Berge komme, dann wird mir anders. Ich finde Berge sehr schön, aber irgendwie erdrücken die mich, wenn ich schon auf diese aufragende Wand zufahre. Und wenn man von Serpentinen ins Tal schaut, finde ich das auch nicht besonders beruhigend…

    Ich wünsche Euch noch einen schönen Urlaub.

    LG, Stephi

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