Restaurant Heldenplatz Hamburg: Wine + Dine für Fortgeschrittene

Heldenplatz_Restaurant_03_final Die Wohnung geputzt. Beim Presse-Event vorbei geschaut. Auf dem Rückweg schnell zu Budni. Durch den Regen nach Hause. Den Mann angerufen, damit er den Kleinen vom Kindergarten abholt. Wertvolle Minuten am Schreibtisch gewonnen, bis ich die beiden Männer im Hausflur höre. Yay, Wochenende! Zwei Stunden das Kinderzimmer verwüsten, mit dem Lauflernling an der Hand über den Flur, in die Küche und zurück, auf die Couch und wieder runter, Türen auf und zu, Küchenschränke ausräumen und ganz neu sortieren. Bis es Abendbrot gibt. Und die Babysitterin kommt.

Eigentlich war heute eine Premiere geplant: Sie sollte den Lütten ins Bett bringen. Und der Lütte so: nö. Anstatt diesen Ausnahme-Date-Night-Freitagabend entspannt in einer Bar einzuläuten, sitzt der Papa also bei La-Le-Lu im Kinderzimmer und ich mit der Babysitterin auf der Couch. Ach, schlafen wäre jetzt auch schön, flüstert die leise, träge Stimme in mir, die zeitgleich mit dem Nachwuchs auf die Welt gekommen ist. Dabei hat die heute Abend gefälligst die Klappe zu halten. Der Mann und ich gehen nämlich schick essen, La-Le-Lu hin oder her. Nach einer halben Ewigkeit kommt ein sehr verschlafener Papa aus dem Kinderzimmer.

Ich schaffe es, vom Sofa aufzustehen. Zwei Minuten später sitzen wir im Auto, auf dem Weg zum Restaurant Heldenplatz. Irgendwie passend.

Das Restaurant hat Anfang des Jahres in der Brandstwiete eröffnet, mitten in der City, gegenüber der Speicherstadt. Koch Markus, Restaurant-Chefin Julia und Sommelier André kehrten der Sternegastronomie den Rücken und machten sich mit ihrem Casual Fine Dining-Konzept selbständig. Eine Besonderheit: die Küche hat bis 2 Uhr morgens geöffnet. Nicht dass diese Tatsache für uns relevant wäre. Aber der eine oder andere Promi-Koch macht durchaus von diesen nachtschwärmer-freundlichen Öffnungszeiten Gebrauch, hört man.

Wir wählen beide ein Vier-Gänge-Menü mit korrespondierenden Weinen. Zurück lehnen, nichts entscheiden müssen, andere machen lassen. Allein dafür hat es sich schon gelohnt, die heimische Couch zu verlassen. Dieses Gefühl verstärkt sich mit herrlich kribbelnder Wucht, als Sommelier André uns als Apéritif einen Champagner serviert. Aus der Küche kommt zweierlei Brot: Zwiebelbaguette und Kartoffel-Foccachia mit Bärlauchbutter und Meersalz. So fluffig und frisch, ich muss mich beeilen, dass der Mann nicht alles aufisst. Mehr bräuchte ich jetzt eigentlich gar nicht zu meinem Glück. Aber wir sind nicht nur zum Brot essen hier.

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Die Vorspeise: eingelegte Gartenmöhren mit Lamm, Buttermilch und Kardamom. In einem Restaurant wie diesem geht das natürlich nicht ohne kunstvolle Tupfen auf dem Teller. Ich nippe am Sancerre, der mir gemeinsam mit dem Champagner ganz wunderbar zu Kopfe steigt, und lasse meine Gabel das Kunstwerk skrupellos zerstören. Die Konsistenzen von knackig (Möhren) über knusprig (Kardamom-Crunch) bis cremig (Buttermilch-Terrine) unterstreichen den feinen Geschmack von Gemüse und Fleisch und stehen der Optik dieses ersten Ganges in nichts nach.

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Der Zwischengang macht mir ein wenig Angst. Erbsenvelouté mit Auster, Pancetta und Dill. Die Auster landet frisch im Suppenteller und wird, von Julia vor meinen Augen mit der heißen Velouté übergossen, am Tisch pochiert. Sie stammt aus der Austern-Metropole Cancale an der Nordküste der Bretagne, wo die starke Strömung die Delikatesse besonders nussig macht. Mit köstlichem Erbsenschaum und krossem Pancetta löffle ich mir Mut an. Und beiße schließlich auf etwas, das ich „Essenz von der Meeresbrise“ taufe. Salzige Geschmacksexplosion. Ja, ein Erlebnis. Zum Austernfan werde ich heute Abend trotzdem nicht.

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Zum Hauptgang bekomme ich Ibérico Schwein mit Trüffel, Kartoffel und Spargel, der Mann geschmortes Rinderschaufelstück mit Sellerie, Pfifferlingen und Zwiebel. Während ich mir den gebratenen Spargel mit Kartoffelwürfeln und cremiger Paprika auf der Zunge zergehen lasse und im Rotwein tatsächlich die schwarze Olive schmecke, von der André soeben sprach, ist mein Mann erstaunlich still. Zu meckern hat er nichts, aber die einfühlsame Ehefrau in mir verschickt ein Memo mit Vermerk „wichtig“ an die Abteilung für störungsfreies Zusammenleben: Den Mann zu rustikalen Veranstaltungen wie Whisky & Burger mitnehmen. Für Fine Dining Experience und ähnlichen fancy stuff lieber eine gourmetaffine Freundin fragen.

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Zum Dessert präsentiert André uns vom Süßwein Clos Basté begleitete Himbeer-Crème brûlée mit Pfirsich und Zitronen-Thymian (moi!) sowie Erdbeere an weißer Schokolade, Holunder und Joghurt zur Scheurebe Spätlese (für den Mann). Süße Himbeere, erfrischender Pfirsich und ein in diesem Kontext beinahe ironisch wirkender Marshmallow-Tupfen fügen sich auf Teller und Zunge zu einem gelungenen Abschluss zusammen. Der Mann runzelt die Stirn angesichts Grissini-Deko und eines fuchsiafarben angesprühten Törtchens – lässt mir aber leider nichts übrig.

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Leicht beschwipst und herrlich gesättigt lasse ich meinen Blick über die Pop-Art-Helden an der gegenüberliegenden Wand schweifen und beschließe, das Resümee dieses Abends gänzlich positiv ausfallen zu lassen. Ein hochkarätiges Dinner fernab der heimischen Couch. Erstklassiger Service. Und danach ins Auto steigen und so tun, als leuchteten die Lichter der Stadt nur für uns – anstatt die Küche aufzuräumen und den Geschirrspüler anzustellen. Ein zur Zeit ebenso seltenes wie schönes Gefühl.

Restaurant Heldenplatz
Brandstwiete 46
20457 Hamburg
www.heldenplatz-restaurant.de

Fotos Restaurant: Catja Vetter

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