Das Kubatzki in St. Peter Ording

kubatzki_st_peter_ording_0004„Und du fährst wirklich allein?“ Oh ja. Nicht nur einmal habe ich diese Frage in den letzten Monaten beantwortet und mir angewöhnt, einfach nur zu nicken. Anstatt einen Monolog darüber zu halten, wieso ich mir im Moment nichts Schöneres vorstellen kann, als ALLEIN wegzufahren. Ein ganzes Wochenende. Freitag bis Sonntag. Nur ich. Niemand sonst, um den ich mich kümmern müsste. Auch keine Verpflichtungen, die in vermeintlichen Momenten der Ruhe „Hier!“ schreien und sich nach vorn drängeln, als würde bei Edeka gerade eine neue Kasse aufgemacht.

Nichts von all dem. Ich packe am Freitagvormittag in Rekordzeit meine (nur eine einzige!) Tasche, schnappe mir den Autoschlüssel von der Kommode im Flur und breche mit dem grandiosen Gefühl auf, nichts vergessen zu haben. Ich werfe meine Tasche in den Kofferraum, der ohne den Buggy ganz leer ist, und fahre los.

Die A23 verschwindet im Nieselregen. Ich fahre nicht schneller als 100 km/h und spüre tiefe Ruhe in mir. Es ist egal, wenn ich eine halbe Stunde später in St. Peter Ording ankomme. Oder zwei Stunden. Ich könnte sogar einchecken und direkt ins Bett fallen, wenn mir danach ist. Bis ich von ganz allein wieder aufwache. Kaum zu fassen.

Dass mein Zimmer im Kubatzki noch nicht fertig ist, macht überhaupt nichts. Ich setze mich im Restaurant auf die Bank am Fenster und bestelle mir einen Cappuccino. In den letzten eineinhalb Jahren habe ich solche Momente genießen gelernt. Momente, die nur mir gehören und die nichts mit Lätzchen, Schläfchen, Windeln und Schnullis zu tun haben. In denen auf den Satz „Einen Cappuccino bitte!“ nicht die Frage folgt: „Habt ihr eine Mikrowelle / einen Kinderstuhl / einen Wickeltisch?“ Sondern nur ein leises, dankbares Lächeln für genau diesen Augenblick. Und für den neuen kleinen Menschen in meinem Leben, der mir diese Dankbarkeit beigebracht hat.kubatzki_st_peter_ording_0001

Das Kubatzki hat im April 2015 in St. Peter Ording eröffnet. Es liegt mitten im Zentrum, der Weg zum nächsten Geschäft oder zum Deich ist kurz. Zum Deich, nicht zum Meer. Ja, wo ist es denn, das Meer? Wer sich auf Wellen, Brandung und raue Nordsee freut, sollte vielleicht lieber nach Sylt fahren. Oder auf eine andere Nordsee-Insel. Hier in SPO gibt es vor allem – Watt. Bis zum Horizont. Weite, Ruhe, Meeresbrise: Alles da. Mir reicht das schon, um den Kopf frei zu bekommen. Und ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Ein bisschen Ebbe im Kopf ist genau das, was ich brauche.

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Was könnte da besser passen als ein Yoga-Wochenende an der Nordsee? Nach meinem Watt-Spaziergang beginnt die erste Yoga-Stunde mit Eva. Ein ganz anderes Gefühl, vom Strand zu kommen, kurz die Klamotten zu wechseln und zwei Treppen nach unten in den (so schönen!) Yogaraum zu gehen, in dem Eva gerade viele Kerzen anzündet. So komme ich viel schneller im Hier und Jetzt an als zu Hause in Hamburg, wo ich mich vorher durch den Verkehr quälen muss. Falls ich es überhaupt mal zum Yoga schaffe.

Die 90 Minuten sind anstrengend und zum Glück relativ easy zu bewältigen für einen sporadischen Yogi wie mich. „Wie hab ich das vermisst!“ scheint mein Körper bei jedem einzelnen Sonnengruß zu seufzen. „Können wir das jetzt wieder öfter machen?“ Hach. Zu Weihnachten wünsche ich mir ein Yogastudio im Keller, in dem eine Yogalehrer-Jeannie erscheint, wenn ich die Arme verschränke und blinzle.

Es gibt jeden Tag mindestens zwei Yogakurse, die man als Hotelgast für 15 Euro pro Kurs oder 25 Euro Tages-Flatrate buchen kann. Aktuell findet auch ein Retreat statt, also quasi eine Yoga-Reise, die man vorab im Gesamtpaket bucht und dann in einer festen Gruppe trainiert. Und zu Abend isst. Und frühstückt. Für mich wäre das im Moment nichts. Ja, vorher dachte ich, es wäre vielleicht komisch, allein zu essen. Ist es aber überhaupt nicht. Für mich passt das viel besser zu meiner langersehnten Auszeit als das laute Geschnatter der Mädels aus der Retreat-Gruppe. Unter meinem letzten Instagram-Post lese ich: „Mach auch mal ein bisschen #digitaldetox.“ Ich denke kurz über den Vorschlag nach und antworte: „Mir reicht schon #muddidetox.“ Darauf ein Schluekk Weinschorle.kubatzki_st_peter_ording_0002

Ausschlafen. Darauf habe ich mich fast am meisten gefreut. Und natürlich bin ich nachts bei jedem noch so kleinen Geräusch wach. Diese Fähigkeit habe ich bereits in der Schwangerschaft trainiert und mittlerweile zur Perfektion gebracht. Der Lütte quengelt im Kinderzimmer kurz im Schlaf? Ein Adrenalinschub versetzt meinen Körper in Alarmbereitschaft, als würde gerade das Haus abbrennen. Der Mann neben mir schnarcht mitten im schönsten Tiefschlaf? Ich bin sofort hellwach. Und kann eine halbe Stunde lang nicht wieder einschlafen. Heute sind sowohl der Lütte als auch der Mann 140 Kilometer von mir entfernt. Meinem Unterbewusstsein ist das egal. Es treibt seine Spielchen mit mir. Na warte!

Zum Frühstück kombiniere ich Kaffee, Rührei und ayurvedischen, mit Kardamom gewürzten Getreidebrei und freue mich, dass es hier gesundes Essen gibt, ohne zwanghaften Verzicht. Sojamilch, veganer Brotaufstrich, Yogi-Tees – alles da. Außerdem Cappuccino, Nutella und gekochter Schinken. Eat and let eat sozusagen.

Ich finde es so herrlich, heute nichts Bestimmtes vorzuhaben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. In meinem Zimmer abhängen und lesen? Spazierengehen? Zeitschriften kaufen? Kaffee trinken und Waffeln essen? In die Sauna gehen? Ich entscheide mich für genau diese Reihenfolge und besuche nach dem Abendessen meinen zweiten Yogakurs. Wenn ich anschließend gleich ins Bett gehe, kann ich bestimmt gut schlafen!

Auf der Matratze liegt mein MacBook. Es ist aufgeladen, hat WLAN und Netflix und findet #digitaldetox überbewertet. Schlafen sowieso. Ich füge mich meinem Schicksal.

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Am Sonntag nach dem Frühstück erwartet mich noch ein Highlight: eine Shiatsu-Massage bei Eva. Ich liege eine Stunde lang auf dem beheizten Futon im Yoga-Raum und lasse Eva drücken, kneten, Arme und Beine bewegen. Ich glaube, genauso fühlt sich mein Sohn, wenn ich ihn nach endlosem Bitten, Betteln und Quengeln endlich auf den Arm nehme. Entspannen. Fallen lassen. Alles los lassen. Durchatmen. Schade. Schon vorbei.

Eva rät mir, den Rest des Tages viel zu ruhen und zu schlafen, wenn mir danach ist. Und mir ist danach. Ich würde auch zu gern noch einmal in den Saunabereich (es gibt nur eine Sauna und einen Ruheraum, keinen Pool und nix, deswegen ist es traumhaft ruhig da unten) und außerdem heute Abend wieder zum Yoga. Wäre ich eineinhalb, würde ich mich einfach vor der Rezeption auf den Boden werfen und laut schreien. Aber ich bin erwachsen, gut erzogen und checke pünktlich aus.

Ach, schön war es im Kubatzki. Genau so, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht habe. Ich denke, ich muss bald wiederkommen. Ja, wahrscheinlich fahre ich wieder allein. Und versuche es doch mal mit dem #digitaldetox.

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Dieser Beitrag ist in Kooperation mit meinem Ehemann entstanden, der mir dieses Wochenende zum Geburtstag geschenkt hat und außerdem behauptet, er würde keinesfalls schnarchen.

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2 Gedanken zu “Das Kubatzki in St. Peter Ording

  1. Ach, so eine Auszeit könnte ich auch mal gebrauchen und super ist, dass man auch Yoga machen kann. Tolle Bilder und toller Beitrag!

  2. Merke: Männer sind die tollsten Kooperationspartner!

    Ich habe bei vielen Deiner Sätze sehr wissend geschmunzelt. #muddiclan Bin gerade dabei, mit einer Freundin einen Yogatrip nach SPO zu planen – ebenfalls ohne den Lütten. Du hast die Vorfreude gesteigert! Danke.

    Alles Liebe
    Sandra

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