Ist das schön hier! {Weshalb ich nicht aufs Land ziehen möchte.}

„Wenn ich mal groß bin, schaue ich von meinem Wohnzimmerfenster aus auf eine Pferdekoppel.“ Diese Idee pflanzte sich vor sehr langer Zeit in mein Hirn und ließ mich nie ganz los. Ich bin mir sicher, dass die Idee unmöglich aus Hamburg sein kann, denn ansonsten müsste sie selbst lachen bei diesem Gedanken. Vielleicht lebt sie aber auch am äußersten Stadtrand. Da sind so verrückte Dinge möglich. Wenn man bereit ist, auf alles andere zu verzichten.

Ihr kennt das: Es gibt diese Tage, da ist alles zu eng, die Stadt ist viel zu voll, überall sind Menschen, nirgendwo Parkplätze und man verbringt ganze Nachmittage damit, dem Kind zu sagen, wo es überall NICHT hin darf. „Spatz, Vorsicht, da fahren Autos! Nein, lass das liegen, das ist Müll. Warte bitte, wir müssen uns hinten anstellen.“ Und der Aufzug an der U-Bahn ist natürlich mal wieder außer Betrieb.

In solchen Momenten ist die Pferde-Idee ganz in ihrem Element. Sie verbündet sich mit dem Gedankenreflex „Ich glaub, ich zieh in den Wald“ und der Erinnerung daran, wie der Zweieinhalbjährige vor ein paar Tagen ganz überrascht auf die Kühe deutete, die am Autofenster vorbeizogen. Die Stadt-Mutti in mir war stolz, dass er „Da Kühe!“ rief, anstatt zu fragen, wer denn diese schwarz-weiß gefleckten Kollegen sind. Die Pferde-Idee verschränkte demonstrativ die Arme und zog die linke Augenbraue hoch.

Ja, okay, mein Sohn kennt Kühe vor allem aus seinem Wimmelbuch, in Eimsbüttel sieht man die Viecher eben eher selten. Trotzdem ist bis heute nicht das eingetreten, was so gut wie alle in unserem Bekanntenkreis voller Überzeugung behaupteten, als sie Nachwuchs bekamen: „Wenn du Kinder hast, werden andere Dinge wichtig. Dann willst du einfach nur noch Platz haben und die Kinder im Garten spielen lassen.“ Doch ich konnte mir nie ernsthaft vorstellen, meinen Stadtteil zu verlassen, in dem alles, was ich zum Leben brauchte, direkt vor der Tür lag.

Bis ich schwanger wurde und mein hormon-verklebtes Hirn sich einreden ließ, dass drei Kilometer nicht der Rede wert seien. Wir zogen in eine Eigentumswohnung am Tierpark, rein technisch gesehen im Bezirk Eimsbüttel gelegen. Vom Kinderzimmer aus sahen wir die Bären in ihrem Gehege herumtollen. Klingt wahnsinnig idyllisch. Roch aber ab 11 Uhr nach Pommesbude (und manchmal auch nach Bären). Meine alte Hood war „nur“ zwei U-Bahn-Stationen entfernt. Eine nervenaufreibende Challenge, wenn man einen Kinderwagen vor sich her schiebt und fünf Mal pro Woche zu Budni muss. Gewöhnt man sich dran? Vielleicht. Aber das Wichtigste: Ich schloss die Gegend nicht in mein Herz. Nie ging ich vor die Tür und dachte: „Ist das schön hier.“

Was jetzt? Kalter Entzug, raus aus der Stadt und hoffen, dass mir mein Eimsbusch irgendwann nicht mehr so doll fehlt vor lauter Pferdekoppeln und Kuhwiesen? Haus mit Garten statt Spaziergängen am Kaifu?

 

Es gab Momente, da erschien mir diese Idee gar nicht so abwegig. Letzten Sommer, als wir gefühlt doppelt so viele „echte“ Sommertage hatten wie in diesem Jahr (also ungefähr fünf oder sechs), wog ich an einem heißen Nachmittag meine Alternativen zur Kind-Bespaßung ab. Ganzkörper-Matschpeeling auf dem Wasserspielplatz, auf ins Getümmel bei den Pinguinen oder lieber gleich kopfüber ins Babybecken des – natürlich überfüllten – Freibads? Mein überhitztes Hirn träumte von einem friedlich im Garten planschenden Kind. Daneben ich, ein Buch lesend, Kaffee mit Eiswürfeln trinkend und bei Bedarf meine Füße im Mini-Pool kühlend.

Eine leicht abgewandelte Version dieser in der Theorie recht fantastischen Idee wurde wenig später auf unserem Balkon Wirklichkeit. Mein Sohn blieb geschätzte dreieinhalb Minuten in seiner Open-Air-Badewanne, bevor er zu einem Sprint in Richtung unserer Fünf-Liter-Gießkanne bei den Blumentöpfen ansetzte (ich konnte ihn knapp aufhalten). Er flutete die Polsterung unserer Balkonmöblierung mit einer Art Baby-Arschbombe, verlangte Nachschub an Badewasser und hatte dann keine Lust mehr. Ich zeigte der bekloppten Garten-Idee meinen mentalen Mittelfinger und holte trockene Handtücher.

Trotzdem schauten wir uns online einige Häuser im Umland an, nur mal so. Ich konnte fühlen, wie mein Herz sich die Augen zuhielt. Beim Wort „Doppelhaushälfte“ fing es an zu weinen. Und dann, eines Abends, ich lief durch die Osterstraße auf dem Weg zum Essen mit Freunden. Die Luft vibrierte vom Stimmengewirr, mein Herz schlug synchron zum Beat der Stadt und ich wusste: Eimsbullerbü, ich will dich zurück. Ich lieb dich einfach so. Schon seit über zehn Jahren. Die Sache mit dem Tierpark, das war ein Kompromiss, eine auf halbem Weg (na ja, ungefähr…) abgebrochene Stadtflucht. Aber nichts Ernstes, glaub mir!

Und Eimsbüttel erhörte mich. Schon am nächsten Tag fand ich unsere neue Wohnung im Internet. Sanierter Altbau, Erdgeschoss mit Garten (haha!). Der Mann ließ sich von meiner Begeisterung zum Glück anstecken. Sechs Wochen später zogen wir ein. Umzüge sind doof, die Mietpreise in Eimsbüttel auch. Aber am Ende ist das alles egal. Ich bin zu Hause. Wir wohnen in der Ist-das-schön-hier-Straße. Übrigens haben wir sogar ein kleines Gartenhäuschen. Mein Sohn fragte bei der Besichtigung: „Da Tiere drin?“ Und nach kurzem Überlegen schlug er vor: „Tiger?“

Ich glaube, das war er: der Moment, in dem sich die Pferde-Idee für immer von mir verabschiedete.

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